Mein kleines Manifest zur Lebenskunst

Dietrich Grönemeyer, 2006

Lass Dich nicht leben... Lebe !

Nahezu 7,5 Milliarden Menschen leben heute auf unserem Erdball, bald dreimal so viel wie 1950.
 
Der schrecklichen Armut vieler Länder steht der unermessliche Reichtum und Wohlstand der großen Industrienationen gegenüber. Die Fortschritte der Wissenschaft erlauben die Lösung von Problemen, die noch vor wenigen Jahrzehnten menschheitsbedrohend waren. Als Ärzte können wir Krankheiten erkennen und heilen, die in früheren Zeiten einem Todesurteil gleichkamen. Wir können von Schmerzen befreien und Leiden lindern, die unsere Vorfahren oft qualvoll ertragen mussten. Die Voraussetzungen für ein Leben in Würde waren nie besser. 

Doch: unsere Welt ist bedroht wie lange nicht mehr. Kriege, Hungersnöte, tödliche Epidemien und unzureichend medizinische Versorgung bedrohen uns alle weltweit - nicht nur in Afrika.
An Möglichkeiten fehlt es uns nicht, weder an den materiellen noch an den geistigen, eher schon an der Achtung vor dem Leben, das uns geschenkt wurde. Ohne sie aber bleibt alles andere Stückwerk; Eitelkeit und Egoismus triumphieren wie von selbst über den Humanismus - zum Schaden aller und eines jeden ganz persönlich. 

Höchste Zeit also, dass wir uns wieder auf das Wesentliche besinnen, auf die Grundsätze einer individuellen Lebenskunst, die allen zugute kommt, wenn sie jeder versucht:

  1. Sieh Dein und Unser aller Leben als ein Geschenk an, das es zu bewahren und zu schützen gilt. Es ist zu kostbar, auch zu kurz, um es leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Genieße es deshalb in der Verantwortung, die Du für dich und andere übernimmst. Du bist ein wesentlicher Teil des Ganzen, der Gesellschaft und des Universums.
  2. Bewahre Dir immer das Staunen über die Komplexität deines menschlichen Daseins, über das Zusammenwirken der Organe und Zellen, über die Einheit von Körper, Seele und Geist. Es ist ein großes Glück, diese Lebendigkeit zu fühlen und über das Wunderwerk Leben nachdenken zu können.
  3. Alle Menschen sind gleich, weil sie das gleiche Recht haben, jeder für sich als eine besondere, einmalige Persönlichkeit respektiert und mit Würde behandelt zu werden. Dieses Gebot der gegenseitigen Achtung verbindet uns mit allen Menschen in einer globalen Geschwisterlichkeit. Sie gilt es, mit liebevoller Fürsorge zu pflegen.
  4. Lebe friedlich und liebevoll mit den anderen Menschen sowie mit der Schöpfung als Ganzem. Denn wir alle müssen, jeder an seinem Platz, für diese, unsere Welt einstehen, für die Menschen, für die Tiere sowie für alle Pflanzen. Wir brauchen den harmonischen Einklang mit der Natur, zu der wir selbst gehören, die uns ernährt.
  5. Engagiere dich für deine Überzeugungen und deinen Glauben, aber respektiere dabei stets, dass anderen das gleiche Recht zusteht. Die Freiheit des eigenen Denkens folgt aus der Toleranz, mit der man seinen Mitmenschen begegnet, sie ernst nimmt und zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit ermuntert, ihnen Hilfe leistet, ohne Forderungen zu stellen.
  6. Lerne, dein eigenes Leben selbst zu leben, als Kunstwerk zu gestalten, Wesent-liches vom Unwesentlichen zu trennen, ganz selbst zu sein im großen Ganzen. Jeder ist einzigartig, jeder kann auf seine besondere Weise kreativ und aktiv werden - sich nicht behandeln lassen, sondern selbst handeln. Dafür lohnt es, mit Leidenschaft zu leben und Kraft aus dem ureigenen Selbstvertrauen zu schöpfen.
  7. Es braucht Kopf und Herz, Wissen und Vernunft, Leidenschaft und Mut, Respekt und Nächstenliebe, um das Leben verantwortlich zu leben - für sich und als Teil der Weltgemeinschaft, die uns all trägt, wenn wir sie selbst mittragen. Das eigene Leben könnte zum Kunstwerk werden und Glück erzeugen. Unser größtes Geschenk!